Ein langer Tag im Wallis

Ende Juli waren Frank, Dennis und ich im Wallis und haben einen Versuch zur Besteigung der Dent Blanche unternommen. Das unsichere Wetter zwang uns damals jedoch beim Großen Gendarm zum umdrehen, der mit 4097 m Höhe bereits als eigenständiger Viertausender zählt. Verglichen mit dem 4357 m hohen Hauptgipfel ist der Gendarm doch aber realistisch betrachtet kein richtiger Viertausender.

Deshalb startete ich dreieinhalb Wochen später am 23. August einen zweiten Versuch. Das Wetterfenster und das familiäre Zeitfenster waren für zwei Tage geöffnet, ein Wettersturz war für Freitag Mittag angekündigt.

Um 14 Uhr fuhr ich am Mittwoch in Betzweiler los und nach einer kurzen Nacht im Licht der Stirnlampe um 23 Uhr vom Parkplatz in Ferpècle zur Cabane de la Dent Blanche, die ich um 3:39 erreichte. Der noch vor wenigen Wochen schneebedeckte Gletscher unterhalb der Hütte war völlig schneefrei und ohne Steigeisen war nichts zu machen. Im Licht des Mondes glitzerten die Eiskristalle.

Noch war alles dunkel in der der Hütte, ob wohl noch andere Bergsteiger eine Begehung des Berges geplant hatten?

Ich hielt mich nicht lange auf, ich kannte ja den Weg durch die Felsen. Ein Wechsel von Steigeisen an und aus war oft notwendig, da die Felsen zwar trocken, der Firn jedoch überall hart gefroren war. Als ich nach der Wandfluelücke gerade einmal wieder die Steigeisen auszog bemerkte ich plötzlich andere Stirnlampen, zwei, drei Seilschaften, unverkennbar geführte Seilschaften mit Bergführer, gekonnte Seiltechnik mit kurzem Seil am Gletscher.

Ich beeilte mich den Blockgrat möglichst schnell hinter mich zu bringen, doch die Bergführer hatten einen besseren Weg gefunden und ehe ich mich versah hatten mich bereits zwei Seilschaften überholt. Plötzlich spürte ich auch die Höhe und die fehlende Akklimatisation, bei P3907. Am Großen Gendarm angekommen gab es dann Stau, alle Seilschaften reihten sich ein um durch das Couloir die Kletterschwierigkeit zu umgehen. Es machte richtig Spaß, mit den kleinen Gully-Eispickeln die Eisrinne aufzusteigen, etwa 50 Grad steil, im Eisklettern wäre das vielleicht WI 1.

Nun folgte für mich unbekanntes Gelände, fünf Türme mit Kletterei im zweiten und dritten Grad. Fast alle der etwa zehn Seilschaften wurden von Bergführern geführt, ich konnte jedoch gut mithalten. Nach dem letzten Felsgipfel zog ich wieder die Steigeisen an, um die letzte halbe Stunde zum Gipfel zurückzulegen. Die Anstrengung und die Höhe machten mir zu schaffen, das bemerkten auch die Anderen. Sie empfahlen mir, nicht mehr zum Gipfel zu steigen, da noch ein weiter Abstieg mit vielen Abseilstellen folgte.

Nach kurzem Abwägen war diese Entscheidung klar, ich wollte auch kein unnötiges Risiko eingehen. Gegen 12 Uhr war ich wieder unten an der Hütte und freute mich über ein Getränk, da ich aus Versehen nur einen Liter Wasser eingepackt hatte.Anders als beim letzten Mal konnte ich nicht bequem über die Schneefelder ins Tal abfahren, die waren alle verschwunden, doch trotzdem erreichte ich nach 17 Stunden um 16 Uhr das Auto, gerade noch bevor ein lauer Sommerregen mich ins Reich der Träume begleitete. Abends wachte ich auf und machte mich auf die Heimfahrt, nach gerade einmal 32 Stunden traf ich wieder in Betzweiler ein.