hielt man sich nicht lange auf mit Körperhygiene, Lagerpräparierung und Brotzeit, sondern brach sofort auf zum nahe gelegenden Fels – Übungsgelände für die ersten “Trockenübungen”. So wurden insbesondere die Spaltenbergung mittels loser Rolle und der Standplatzbau thematisiert sowie Geräte wie Micro Traxion und Tibloc besprochen. Die ersten Regentropfen am Abend waren das Signal zum Rückzug in die Hütte, um sich nun doch noch Nebensächlichkeiten wie dem Bezug des uns zugeteilten Winterraums – temporär exklusiv für die Sektion FDS – und der Einleitung ausführlicher Maßnahmen gegen die Dehydrierung mittels geeigneter, partiell malzhaltiger Flüssigkeiten zu widmen.
Das Abendmenu a la (Hüttenwirte) “Christoph und Barbara” wurde herbeigesehnt und – endlich – ab 18:30 Uhr serviert. Die Schlacht am Salatbuffet machte ihrem Namen alle Ehre – bei Vollbelegung einer Hütte mit nahezu 160 Schlafplätzen konnte man sich hier in Geduld trainieren! Nach einem langen Tag, welcher für die meisten bereits vor fünf Uhr am Morgen begonnen hatte, und einem Verdauungsschnaps zogen wir uns ins Lager zurück und durften eine nahezu schnarchfreie Nacht geniesen.
Der nächste Tag begann, wie der vergangene geendet hatte – mit einem Buffet: es fehlte an nichts; so wurden Brot, Müsli, Säfte, Käse, Wurst, Quark, Obst; Honig, Marmelade und natürlich Kaffe und Tee gereicht. Vorsorglich deckten wir uns noch mit einer Jause sowie einem Marschtee ein und stiegen, wie generalstabsmäßig von unserem Tourenleiter geplant, um 8:00 Uhr zum Gletscher auf. Dort suchten wir einige Zeit nach einer geeigneten Spalte, da sich das Gelände gegenüber dem Vorjahr bereits wieder deutlich verändert hatte.
An einer ca. 1,5 Meter breiten und recht tiefen, sich nach unten verjüngenden Spalte platzierten wir unsere Habseligkeiten und begannen unser Programm mit der Spaltenbergung mittels loser Rolle. Jeder durfte in die Spalte springen, jeder musste subjektiv viel zu schwere Opfer aus der Spalte ziehen – keiner musste trotz der eher ungemütlichen Witterung frieren! Die Selbstrettung mittels Rücklaufsperre (Garda, Micro Traxion etc.) / Münchhausentechnik bereitete hinsichtlich der körperlichen Belastung deutlich mehr Freude; allerdings stellte man mittels entsprechender empirischer Ermittlungen fest, dass nicht alle Rücklaufsperren geeignet erschienen – so wollte mit der Petzl – Steigklemme keine wirkliche Freude aufkommen… Es wurden Eisschrauben gesetzt, Abalakovs konstruiert und komplette Standplätze gebaut – diese Programmteile nahmen ca. vier Stunden und damit die Hälfte des geplanten Achtstundentags in Anspruch. Die gefühlt zweite Hälfte des Tages verbrachten wir mit Olis besonderem Schmankerl – dem “modifizierten Flaschenzug”. Das ausgewählte Bergungsopfer hieß Ellena und durfte lange, sehr lange, sehr sehr lange die Spalte von innen inspizieren und wollte nicht glauben, wie lange sich vier ausgewachsene Männer, darunter mehrere Ingenieure ihres Zeichens, mit einer an sich simplen Konstruktion auseinandersetzen mussten. Allein, das Opfer durfte ja nicht aufbegehren, da per definitione zur Ohnmacht bzw. passiven Hilflosigkeit verdammt. Immerhin, nach einiger Tüftelei mit viel zu vielen Seilsträngen, der Verwendung diverser Rücklaufsperren und letztlich dem Einsatz zu hoch dosierter Muskelkraft konnten wir das zwischenzeitlich unterkühlte Opfer aus der misslichen Lage befreien. Natürlich musste zum Abschluss die Konstruktion mittels diverser Trockenübungen perfektioniert werden, um mit gutem Gewissen den Rückzug zur Hütte antreten zu können.
Am Abend stellten wir fest, dass die Teilnehmer der “Alpine Welten” in unserem Gastraum wohl bereits – chemisch – aufgetaut waren, so dass die entsprechende Geräuschkulisse der umliegenden Tische unsere deutlich dominierte. Dies sollte unsere gute Laune jedoch in keiner Weise beeinflussen – wir übten uns im Gegenzug im “Bergführerraten” und tauten uns – anatomisch – mittels diverser, gebrannter Flüssigkeiten auf. Der dritte Tag war geprägt vom “Eisklettern” – immerhin erwartete uns am Abschlusstag unsere “erste Nordwand”! So errichteten wir im nahegelegenden Gelände an einer ca. 30 m hohen und maximal 55 ° geneigten Wand – und somit den Verhältnissen der angepeilten Petersenspitze vergleichbar – ein Fixseil und übten den “Degengriff”. Anschließend bildeten wir zwei Seilschaften und trainierten das Klettern am gleitenden Seil, wobei wir ein besonderes Augenmerk darauf legten, stets mindestens zwei Zwischensicherungen zu behalten. Wir bauten diese teils mit Tibloc auf und lernten den Vorteil dieser Technik gegenüber der einfachen Expressschlinge an der Eisschraube. Nachdem wir nun alle heiß waren auf das “richtige” Klettern, baute uns Oli zwei Toprope – Linien in bis zu max. ca. 70° geneigtem Gelände ein. Wie zu erwarten, dauerte es nicht lange, und die ersten sehnsüchtigen Dackelblicke ließen den Tourenleiter erweichen: es durfte vorgestiegen werden. Nachdem unser erfahrener Oli hier ein auch dafür geeignetes Gelände eruiert hatte, war dies absolut vertretbar und kristallisierte sich als das Highlight des Tages heraus. Mit simuliertem Rückzug mittels – in Anbetracht der Erfahrungen des Vortags erstaunlicherweise gut funktionierender – “selbstausdrehender Eisschraube” und der alternativen “Eisbirne” wurde der Tag beschlossen, so dass wir uns, dank Olis klar strukturierter Lehrstunden bestens gewappnet, ächtig auf unsere Abschlusstour freuen konnten. Am Abend schlemmten wir wieder wie die KaiserInnen und durften uns dank diverser Primieren einzelner Teilnehmer in puncto Eisklettervorstieg en einen oder anderen Verdauungsobstler mehr als an den Vorabenden genehmigen. Trotz diverser Versuche des Gegensteuerns wollte sich unsere einzige weibliche Adjutantin den Höhepunkt zugunster einer wohlgeordneten Übernahme des Nachwuchses am Heimatort entgehen lassen und verabschiedete sich bereits an diesem Abend von “ihren” vier Männern, nicht ohne den beiden Seilschaften Oli – Markus und Lars – Lando, mit ein wenig Wehmut in den Augen, viel Glück für deren zum Teil erste Nordwand zu wünschen.
Ellena war es dann auch, welche am Folgetag mit scharfem Auge die einzigen beiden Seilschaften interessiert, teils sorgenvoll beim Gipfelanstieg in der Wand beobachtete. Nun aber der Reihe nach: die Nacht zum Sonntag war dank dem Wecker eines ziemlich erkälteten Niederländers, welcher mit zwei Kameraden die Wildspitze machen wollte und in unserem Lager genächtigt hatte, um 3:30 Uhr zu Ende. Nach einem kurzen Thermofrühstück im Raum unter der Schlafkammer des Hüttenwirts in Tigerpyjama starteten wir um kurz vor fünf Uhr unseren Zustieg zum Taschachferner. Nachdem uns das Geröll am Ferner etwas zu “geröllig” erschien, wählten wir den Aufstieg über eine angenehm mit Firn gefüllte Rinne, parallel dem Einstieg zum Rimmelsteig, bis zum Gletscherbeginn unterhalb des Gamsköpferl. Hier wechstelten wir in den Modus der Gletscherseilschaft und seilten uns zu viert an. Nun visierten wir auf direktem Wege den Bergschrund der Petersenspitze an, wobei wir an einer ausgeprägten Spalte den Weg über eine Schneebrücke wählen mussten. Der Bergschrund stellte kein echtes Problem dar, so dass wir nach planmässig drei Stunden den Einstieg erreicht hatten und zwei Stände bauten. Wir gingen vor wie ursprünglich geplant und kletterten in zwei Seilschaften, teils überschlagend, stets am gleitenden Seil. Für jede Eisschraube mussten, insbesondere im unteren Bereich der Wand, ca. 15 cm Firn freigeschlagen werden – dennoch kamen wir gut voran. Die Eisgeräte setzten wir als Kopfstützpickel ein; den Schaftzug ließen die Firauflagen, in gewisser Weise aber auch die überschaubare Neigung der Wand von ca. 50 bis 55° nicht zu. Entgegen der Prognose waren wir problemlos bereits nach ca. einer Stunde am Gipfel (3.484 m) und hatten in den insgesamt vier Stunden immerhin ca. 1.200 Höhenmeter absolviert; die Wand selbst bemisst sich mit nur ca. 250 hm.
Am Gipfel erwartete uns ein beeindruckendes Panorama mit der Wildspitze, dem hinteren Brochkogel und dem beeindruckenden Gletschersee in direkter Nähe sowie unzähligen Gipfeln in der Entfernung, u.a. auch der Ortler. Unser Abstieg führte zunächst den Firngrat entlang. Der felsige Übergang am Taschachjoch im Westen stellte sich als wenig vertrauanserweckender Bruchhaufen heraus, so dass wir hier einen kurzen Rückzug antraten und einen Umweg über ein Firnfeld im Süden wählten. Jenseits des Jochs marschierten wir Richtung Pitztaler Urkundsattel, umrundeten den Pitztaler Urkund und erreichten nach einem gut dreistündigen Abstieg einigermaßen erschöpft das Taschachhaus.
Nachdem Ellena unser “Basislager” bereits aufgelöst und für einen Rücktransport unserer Habseligkeiten mittels Materialseilbahn Sorge getragen hatte, konnten wir nach einer Erfrischungsrunde nebst Materialsortierung den Abstieg ins Tal anpeilen; dieser wollte einfach nicht enden… nach insgesamt zehn Stunden “Hatscherei und Kletterei” erreichten wir das Ziel unserer Sehnsüchte: die Taschachalm auf ca. 1.800 m; hier wurden die Kohlenhydrat- und Mineraliendepots nochmals aufgefüllt und die letzten Kraftreserven für den immerhin gut fünfminütigen Abstieg zum Parkplatz mobilisiert. Auf der Heimfahrt kamen wir übereinstimmend zu der Ansicht, dass du mit einer Buchung bei DAV – FDS – Dorka – Reisen stets richtig liegst, unser Oli seinen Lehrplan umfassend und strukturiert durchgezogen hatte, du dadurch einen Kompetenz- und Erfahrungsmehrwert in eine Abschlusstour und nach Hause bringen kannst und wir alle wieder miteinander richtig viel Spass und Freude in den Bergen hatten!
Lando Huber-Denzel
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