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Keep Wild Klettern im Baltschiedertal

08.08.2017

Baltschiedertal – das Tal der historischen Wasserleitungen, der Suonen. Wildromantisch schlängelt sich die Leitung entlang am Abgrund, mit nur minimalem Höhenunterschied. Sie ist immer noch intakt und wird jedes Jahr gepflegt – was für eine bauliche Leistung der damaligen Zeit.

Das Baltschiedertal gehört zum UNESCO Weltnaturerbe, in diese Ecke des Berner Oberlandes „verirren“ sich nur wenige Menschen und es gibt viel Natur.

Von P1264 oberhalb Ausserberg wandern wir vorbei am Biwakplatz Martischipfa, zur Zeit sind Heidel- und Wacholderbeeren reif, zur Kapelle Hopitzu auf 2199 m und zuletzt über einen gesicherten Steig zum Adlerhorst Stockhornbiwak auf 2598 m. Ich habe 4 Liter Wasser vom Bach mit hochgeschleppt, wir werden sparsam damit umgehen, da es überall sehr trocken ist. Ein Heli hat einen Wassercontainer hoch transportiert, für den Notfall gibt es noch Trinkwasser.

Das achteckige Biwak bietet in drei Etagen Platz für 18 Personen. Heute sind 6 Leute dort, außer uns noch 4 französisch sprechende Kletterer. Es gibt einen Tisch in der Mitte und der Platz reicht gerade für uns 6, wir stellen uns vor es wäre voll belegt und das Wetter schlecht…

Am Freitag Morgen um 6 brechen wir zum WSW-Sporn (4c) auf, einer Tour auf den 1. Südgratturm (2926 m) ohne fixes Sicherungsmaterial mit 8 Seillängen, 240 m. Außer leichten grauen Abnutzungen am Fels und 3 Normalhaken finden wir keine Anzeichen auf frühere Begehungen, doch wir finden den richtigen Weg. Der Granit ist nicht immer fest und so klettern wir vorsichtig. In der vierten Seillänge ist der Fels steil, ich finde in einem Schulterriss rechts wenig Halt, der linke Fuß steht auf einem kleinen Tritt, ich will zurück klettern doch der linke Fuß rutscht ab, ich falle und schreie, ein Sturz etwa 5 Meter im alpinen Gelände. Die Zwischensicherung mit meinem gelben Camalot hält, außer ein paar Kratzern am Schienbein und Ellbogen ist mir nichts passiert, die Sicherungskette hat gehalten, der Puls rast, Roland fragt besorgt „alles in Ordnung?“. Das ist mir noch nie passiert und in dem Gelände ist Stürzen tabu. Bei Roland ist das Seil am Stand nur etwa 10 cm durch die HMS gerutscht, ich stand vor dem Sturz etwa 1,5 m über der Sicherung, der Fels nimmt viel Reibung auf.

Ich finde schnell meine sonst sehr stabile Vorstiegsmoral zurück, wir klettern weiter zum Gipfel des Sporns, halten uns aber nur ganz kurz auf, da wir beide großen Respekt vor dem Abstieg haben. Wir gehen kein Risiko ein, sichern vom Gipfel hinunter, Gelände 2a und richten an einem Block eine Abseilstelle ein. Es sieht nicht so aus, als wäre hier in letzter Zeit jemand geklettert. Nach zwei Stunden erreichen wir das Stockhornbiwak, im Hüttenbuch lesen wir, dass diese Tour nur eine Begehung pro Jahr erfährt, die meisten Seilschaften klettern den Südgrat oder die Überschreitung der fünf Türme des Stockhorns.

Nach einer Mittagspause seilen wir über den gesicherten Steig ab und wandern in 3 Stunden hinauf zur Baltschiederklause, dieser urigen Hütte auf 2783 m die wir vom letzten Jahr noch in sehr guter Erinnerung haben. Um 3:30 starten wir zur Baltschiederlücke, um 6:15 bestaunen wir den Sonnenaufgang eines schönen Tages, eine Aussicht auf die Berner und Walliser Bergwelt. Es hat sehr wenig Schnee, das Firnfeld zur Lücke ist praktisch nicht mehr vorhanden, der Gredetschtgletscher auf der Rückseite ist aper. Wir verlieren keine Zeit, der Gipfel des Nesthorns (3821 m) lacht zu uns herunter. Als wir auf dem aperen Gletscher etwa 40 Grad steil ansteigen kommt bereits die Sonne in den linken Teil. Es lösen sich plötzlich große Steine, die links von uns in die Tiefe sausen. Ich treffe sofort die Entscheidung, Roland ist meiner Meinung, wir weichen nach rechts aus und steigen ab – das Risiko ist zu groß und unkalkulierbar.

Die warmen Temperaturen haben diese mit wenig-schwierig bewertete Hochtour zu einer ernsten Sache gemacht – der Rückweg am Nachmittag wäre extrem gefährlich. Es steht außer Frage, die Berge verändern sich massiv und Schwierigkeitsbewertungen müssen kritisch geprüft werden.

Zurück auf der Lücke beobachten wir eine Stunde eine Dreierseilschaft, die sich in dem Spaltengewirr des Gredetschtgletschers kaum bewegt. Sie haben uns gesehen, aber geben kein Notsignal. Wir beschließen zur Baltschiederklause abzusteigen.

Um 14 Uhr sind wir wieder bei der Hütte, genießen die Ruhe und die Sonne, auch wenn es mit dem Gipfel nicht geklappt hat war es eine schöne Bergtour.

Mit dabei – Roland und Oliver