Hallo Leute, wir haben etwas zu feiern – unsere Alpenvereins-Sektion hat einen runden Geburtstag und wird 50 Jahre alt!
Am Wochenende war ich mit Jochen im Mont Blanc Gebiet unterwegs, einem klassischen Bergsteigergebiet. Noch nie zuvor war ich in Courmayeur, auf der italienischen Seite im Aostatal. Im Alpintreff hängt ein Gipfelbild vom Mont Blanc, darauf sind einige unserer jetzt schon älteren Vereinskameraden zu sehen. Bei unseren Gruppenstunden von UpSeilDown fällt oft der Blick darauf, einmal wurde sogar am Donnerstagabend das 25. Jubiläum dieser Besteigung gefeiert…
Ich war mit Jochen Haizmann auf historischen Spuren unterwegs. Wir hatten keine Besteigung des Mont Blanc geplant, aber allein der Anblick des Giganten von der Turiner Hütte, die bequem mit der Seilbahn erreicht werden kann, ist majestätisch. Der höchste Berg der Alpen, markant ein gezackter Grat, der bis zum Gipfel führt. Jochen klärt mich auf, das ist der Peutereygrat. Den hat Ueli Steck im Alleingang in einem Tag begangen. Und der unterste Zacken, das ist die Aiguille Noire. Ich habe mich mit den Details noch nicht so befasst, aber sofort klingelt es in meinen Ohren. Aiguille Noire de Peuterey, das ist eine Tour aus dem Topoguide Führer, eine die mit „extrem“ angegeben ist. 50 Seillängen bis zum Gipfel auf 3772 m, danach ein extrem langer Abstieg mit etwa 20 Abseilstellen.
Doch nicht diese Tour ist es, die mir plötzlich einfällt, sondern ein Gespräch mit Hannes Gaiser. Immer freue ich mich, wenn wir uns treffen. Er kennt sich so gut mit den Touren aus. Sein Vater war ein ganz großer Bergsteiger, allerdings gab es damals noch nicht die Sektion Freudenstadt. Er war auch hier unterwegs, im Mont Blanc Gebiet.
Unser Plan ist es, von der Torino Hütte in einem Tag über den Rochefortgrat zum Canzio Biwak zu gehen. Eine ziemlich schwere Hochtour im exponierten Gelände. Dabei werden zwei Viertausender überschritten. Am zweiten Tag folgt die Überschreitung von sechs weiteren Viertausendern der Grandes Jorasses, insgesamt eine sehr lange Tour und anschließend ein komplizierter Abstieg zurück nach Courmayeur. Unser Versuch endet beim ersten Viertausender, der Aiguille de Rochefort (4001 m). Es liegt zu viel Neuschnee, wir haben Rückenschmerzen und Halsweh, brechen die Tour ab, wir gehen kein Risiko ein, zu Hause warten unsere Familien und Kinder.
Im Abstieg fällt mein Blick wieder auf den Peytereygrat, was für ein unglaublich langes Stück Fels, kombiniert mit Firn und Eis – der sieht noch länger aus als der Verbindungsgrat zwischen Stock- und Bietschhorn, neulich im Berner Oberland.
Zu Hause lässt es mir keine Ruhe, wie war das nochmal mit Fred Gaiser und der Aiguille Noire? Im Internet finde ich einen Bericht im Sektionsblatt der Sektion Schwaben von 4/2015 „Große Bergfahrten in der Bergwelt des Mont Blanc – Ein Vortrag von Fred Gaiser“. Hier finde ich, was mir Hannes Gaiser vor Jahren erzählt hat. Fred Gaiser ist mit seinem Seilpartner vom Refuge de la Noire um 4 Uhr gestartet, beschwingt in 6 Stunden auf die Aiguille Noire geklettert, dort im Dülfersitz mit zwei 40-m-Hanfseilen 500 m oft senkrecht im unbekannten Gelände ohne Topo abgeseilt. Ein Biwak ist im Abstieg notwendig. Doch hier ist die Tour nicht zu Ende, unseren Blick von der Turiner Hütte habe ich vor Augen, hier beginnt erst die eigentliche Kletterei. „Noch ist der Himmel blau, aber Föhn und Wettersturz kündigen sich an.“ Der Grat ist lang, das Wetter wird schlecht, ein zweites Biwak „wahrscheinlich oberhalb des Grand Pilier d‘Angle“. Trotz aller Widrigkeiten erreichen Fred Gaiser und Bertl Lehmann den Gipfel Mont Blanc de Courmayeur (4748 m) und den Mont Blanc (4807 m), „mühsam und ohne Sicht, Abstieg, Spaltensturz, neuer Sturm, Blankeis, endlich dunkler Fels in einem Wolkenloch: die Vallothütte, Rettung, Freudentaumel“. Am vierten Tag Abstieg nach Chamonix, schon am Abend liegen sie am Genfer See und Fred Gaiser beendet seinen Vortrag „Leise plätschern die Wellen – Bootslichter bewegten sich auf dem See – der Wind trug fröhliche Laute ans Ufer – und in unseren Herzen sang und klang es: Monte Bianco – Monte Bianco“.
Gern wäre ich bei dem Vortrag dabei gewesen! Es ist für mich unvorstellbar, wie in der damaligen Zeit um 1935 solche Leistungen vollbracht wurden. Es gab keine leichte Ausrüstung, wie wir sie heute verwenden, keine Topprodukte der Bergsportindustrie, keine Highend-Schuhe mit Goretex-Membran – es gab ja noch nicht einmal einen „stink normalen“ Abseilachter…
Es gibt viele große Touren, die in unserer Sektion in den letzten 50 Jahren gemacht wurden, Expeditionen im Karakorum, Grönland, in den Anden, ich kenne nur die Spitze des Eisbergs. Vieles wurde bestens in der Chronik dokumentiert und wird im Jubiläumsjahr aufgearbeitet. Es sind jedoch nicht nur diese herausragenden Dinge, sondern viele kleine und wenig bedeutende Touren auf unbedeutende Gipfel oder gar Klettertouren, die nicht einmal auf einen Gipfel führen oder gar nur ein kleiner Boulderfels, ja sogar manchmal auch ein gefrorener Wasserfall. Ganz egal was es ist, es gibt ein verbindendes Element – eine Leidenschaft, die uns antreibt, gemeinsam Abenteuer, schöne und anstrengende Dinge zu unternehmen.
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